Margret Hofheinz-Döring verstand es nicht nur, sich in Bildern auszudrücken, sie formulierte auch Texte.
Hier eine Auswahl:
Autobiographie
Einblick in die Werkstatt
1980 sprach Margret Hofheinz-Döring anläßlich einer
Ausstellungseröffnung in Stuttgart über ihr Leben. Diesen
autobiografischen Text veröffentlichte sie in der Broschüre
"Blick zurück auf ein Leben":
A Im Mai 1910
erblickte ich das Licht der Welt in Mainz. Diese schöne Stadt am
Rhein und das in ihr wogende geistig Lebendige hat mich zeitlebends
angezogen, obwohl ich schon früh nach Göppingen kam. Mein
Vater war Bildhauer und machte auch Gedichte. Solche Veranlagungen sind
ja wohl in der menschlichen Natur mit angelegt und werden eventuell
auch den nachfolgenden Generationen weitergereicht. Jedenfalls waren
die künstlerischen Tätigkeiten meines Vaters für meine
eigene Entwicklung von großer Bedeutung.
Sowohl die gebildete Form als auch das geformte Wort
waren für mich von prägendem Gewicht. Aus der mitbekommenen
Begabung hätte ich vielleicht, wenn ich in einem anderen
Seinszusammenhang aufgewachsen wäre, ganz andere Fähigkeiten
entwickelt, denn ich hatte eine ganze Menge Talente, die wie beim
Winterschlaf der Kundry in vielem Gestrüpp verborgen waren.
Als ich vier Jahre alt war, begann der erste Weltkrieg
und brachte Unruhe und Leid. Mein Vater litt an einem schweren
Herzleiden, das 1932 zu seinem Tode führte. Ich hatte in
Göppingen das Abitur gemacht und befand mich 1932 im 2. Jahr der
Ausbildung zur Zeichenlehrerin an der Akademie der bildenden
Künste in Stuttgart. Diese Ausbildung schloß ich, wenn auch
unter Erschwernissen, ab und unterrichtete anschließend an
einigen Schulen. Die einschneidendsten künstlerischen
Einflüsse erhielt ich jedoch schon während der Schulzeit. Die
poetischen Elfenbeinschnitzereien meines Vaters, die ich entstehen sah,
beeinflußten mich natürlich sehr. Ein Mädchen mit einem
Blumenkorb ist auf dem Elfenbeinanhänger. Das Mädchen
schreitet über zierliche Ranken, die den Garten andeuten; zwei
Hunde umspielen es. Sie können an disem Stück sehen , wie die
Formen bis ins Feinste gegliedert und ausgearbeitet sind.
... Eine weitere Quelle für meine
künstlerische Entwicklung in der Jugend war der Zeichenunterricht
von Prof. Gustav Kolb, der seinen Unterricht unter das Motto
künstlerischer Originalität stellte. Während wir vorher
Kleiderbügel, Briefcouverts und dergleichen abzeichnen
mußten, durften wir bei Kolb Märchen erzählen - mit
Pinsel und Farbe.
Viel später ging mir dann das Licht auf, daß
Prof. Kolb von Nolde, Klee, Hoelzel inspiriert war. Zunächst hatte
ich einfach eine Riesenfreude, daß wir so frei gestalten durften,
und mein Mut zum Fabulieren wuchs. Oft sagte Kolb: "Ihr dürft
malen, was ihr wollt; stellt euch selbst ein Thema!" Mir kamen immer
hundert Ideen, die ich hätte malen mögen. Unter anderem
dachte ich vielleicht an das Gedicht, das der Vater abends zuvor
vorgelesen hatte, etwas über "Wolkenfrauen mit flatternden
Gewändern", und ich malte sie.
Am Ende der Schulzeit zeichneten wir dann wieder nach
der Natur. Auch an der Akademie in Stuttgart stand das Naturstudium an
erster Stelle.
So hätte man denken können, besonders da
anschließend das 3. Reich mit seinen naturalistischen (=
materialistischen) Tendenzen lalles beherrschte, daß ich beim
Impressionismus bleiben würde. Aber der Aufruf zur Malerei aus der
Farbe hatte mich entscheidend getroffen.
Durch Kolb war damals meine Phantasie geweckt und gefördert worden - das blieb für mein ganzes Leben ausschlaggebend.
In den Ausbildungsjahren wurde ich auch bekannt mit der
anthroposophischen Bewegung in Stuttgart. In den Sommerferien besuchte
ich einen pädagogischen Kurs an der Waldorfschule. Es beeindruckte
mich sehr, wie der Unterricht darauf eingestellt war, besonders die
individuellen Eigenarten und Fähigkeiten der Schüler und
Schülerinnen zu entwickeln, weniger darauf, Wissen aufzupfropfen.
Ich besuchte anregende Abendvorträge.
B Nach Abschluß meiner Studien
unterrichtete ich bis 1943 an höheren Schulen. Das 3. Reich hatte
uns den 2. Weltkrieg gebracht. 1944 kam meine Tochter zur Welt. Mein
Mann, Herbert Hofheinz, Altphilologe, war noch bis über das
Kriegsende hinaus in Gefangenschaft.
Nach dem Kriege gab ich den Schuldienst auf und widmete
mich meiner Familie. Langsam fing ich wieder an, mich künstlerisch
zu betätigen.
Wenn ich mich richtig erinnere, war es so, daß ich
mit den Jahren die Zeit, welche mir meine Pflichten übrig
ließen, in den Dienst der Kunst stellte. Die Malerei füllte
meine Seele in allen Winkeln aus.
C Nicht etwa das Abmalen war es, was ich
wollte, sondern das phantasiemäßige schöpferische
Gestalten. Auch wenn ich nicht gerade an der Staffelei stand, malte ich
in der Vorstellung und überlegte mir Formen, Techniken und Themen.
Ich bildete mich weiter, indem ich Bücher las.
Außerdem besuchte ich viele Ausstellungen, Museen
und Galerien und machte selbst Ausstellungen mit meinen Bildern, wobei
ich allerhand lernte. Bei jeder Ausstellung stellte ich mir neu die
Aufgabe, dem Besucher eine interessante, schöne und
abwechslungsreiche Zusammenstellung zu erarbeiten, die als einheitlich
Ganzes eine geistige Aussage machen sollte. Die Gastgeber freuten sich
gewöhnlich über diese Mühe, welche nun dazu beitrug,
ihre Räume mit einem besonderen Leben zu erfüllen.
Dadurch, daß die Bilder in einer Ausstellung
schön ausgebreitet nebeneinander und in einem neuen Zusammenhang
zu sehen waren, und weil ich dabei viel Zeit zum Nachdenken hatte, sah
ich, wo eventuell noch etwas geändert werden konnte. Jedes Bild
führt ja sozusagen ein eigenes Leben; es wächst wie eine
Pflanze; jeder Zustand ist zwar schön und richtig, und doch hat es
innere Notwendigkeiten, nach denen es reifen muß.
Zu Hause war ich räumlich sehr eingeschränkt,
in den Winkeln der Wohnung schliefen die Bilder einen
Dornröschenschlaf. Nur bei Ausstellungen kamen sie ans Tageslicht
und brachten vielen Menschen Freude und Anregungen.
D Einen besonderen Impuls bekam meine
Malerei, als ich 1964 das Autofahren gelernt hatte. Sie wissen ja wohl
auch: Jede Autofahrt schenkt uns tausende von Bildern. Wir wohnten
damals in Freudenstadt, und es ergriff mich ein unersättlicher
Eifer, den Formen der Schwarzwaldlandschaft nachzuspüren, und ich
zeichnete und malte unentwegt.
Später geschah dies am Bodensee, auf der Alb, in
den Alpen, am Genfer See, in Rom, auf einer Griechenlandreise. Wohin
mich mein Weg führte, überall wurde gemalt und gezeichnet.
Die Landschaftsformen prägten sich mir so ein,
daß sie nun in Farbbilder und Schwarzweißgestaltungen frei
mit einfließen, wie ja überhaupt das, was man einmal
gezeichnet hat, den Formenschatz bildet, aus dem man immer etwas holen
kann, bzw. aus dem die Intuitionen aufsteigen.
Aber immer wieder interessierte mich auch der Mensch,
die Ausstrahlung seines Gesichts und der Widerschein seiner
seelisch-geistigen Bewegtheit.
Auf viele Fragen in diesem Zusammenhang fand ich
Antworten in Goethes Faust und indem ich mich damit beschäftigte,
stiegen hunderte von Bildern in mir auf, die zur Gestalt drängten.
E 1974 zogen wir von Freudenstadt in den
Kreis Göppingen. Endlich kam ich zu verschiedenen Räumen, in
denen meine Bilder zu sehen sind, und in denen ich auch arbeiten kann.
Ein kleines Museum sollte man eben haben.
Nun lebe ich in Zell u. Aichelberg im Albvorland, das
ich als Kind mit dem Vater und der 8 Jahre jüngeren Schwester
erwanderte, und bin wirklich glücklich, die blaue Bergkette der
Alb so nahe vor mir zu haben.
In einem Gefühl der Dankbarkeit, daß mir
jetzt wieder diese Gegenwart beschieden ist, habe ich letztes Jahr ein
Büchlein "Sonntagsfahrt ums Filstal" mit etwas Geschichte und
Gedichten herausgebracht. Es ist fast vergriffen.
Auch ein Kunstband mit Text von Dr. W. P. Heyd ist 1979
erschienen, den wir zum ersten Mal in der Ausstellung in den
Räumen der parlamentarischen Gesellschaft in Bonn im Februar 1979
vorlegten.
Die Tatsache, daß die Kunsthandlung Haenle in
Weißenstein seit einigen Jahren meine Bilder in
wunderschönen Räumen präsentiert, hat mir neue
Arbeitsanregungen gegeben. Ich habe mir in diesem Zusammenhang wieder
einmal Gedanken über die Rahmung der Bilder gemacht, und wir haben
teils gemeinsam sehr gute Lösungen gefunden.
Am schönsten finde ich es, wenn das Bild in den
Rahmen hineinwächst, so daß die Materie ds Rahmens die
Durchlässigkeit für das Seelisch-Geistige bekommt.
Seit Ende 1979 verschicken wir
Informationsblättchen - unentgeltlich - mit Bildern und
beschreibenden Texten von ganz verschiedenen Verfassern. Das
Interessante daran ist, wie dieselben Bilder verschiedene Menschen ganz
verschieden ansprechen, und weil wir gelegentlich die einzelnen Texte
zum selben Bild nebeneinander stellen, kann der lesende Kunstfreund
diese Texte vergleichen und sich seine eigenen Gedanken dazu machen.
1978 schrieb Margret Hofheinz-Döring anläßlich einer Ausstellung
Minne Macht Märchen - Bilder zu Parzival
einen Einführungstext:
Einblick in die Werkstatt
Fast alle meine Bilder habe ich in einem
handgeschriebenen Oeuvre-Katalog numeriert und mit Titeln notiert; auch
die Originale der Grafiken stehen darin. Da sich diese Aufzeichnungen
über ein Menschenleben hinziehen, sind sie zum Teil durch
mancherlei Änderungen lückenhaft.
Nun habe ich angefangen, eine Art Katalog mit Text und
Bild zu schaffen - in Fortsetzungen. Es entstanden so bis jetzt zehn
Kunstschriften, in denen von den abgebildeten Gemälden
Bildbeschreibungen zu lesen sind. Auf diese Weise soll nach und nach
ein Überblick über Leben und Werk in abwechslungsvoller Form
gegeben werden.
In der vorliegenden Schrift sind Bilder, auf denen
Menschen dargestellt sind, aus verschiedenen Schaffensperioden zu
sehen. Bei diesen Arbeiten bin ich immer von der Farbe ausgegangen.
Zufällige farbige Flächen, unbeabsichtigte
Linien und Formen bildeten ein Chaos auf dem Bildgrund, aus dem die
schöpferischen Gedanken auftauchen. Zufallswirkungen ungewollt
entstandener Farbflecken sind oft reizvoll, doch für mich kann das
kein endgültiges Ergebnis sein. Solche Bildungen regen mich zum
formalen Weiterdenken an; manchmal verbleibe ich dann bei
gegenstandslosen Kompositionen, die durch intensives Überlegen und
auch durch Experimentieren entstehen.
Aber meistens wachsen aus dem spielerisch gewordenen
Formenchaos lebendige Geschöpfe. Oft Menschen allein oder im
Dialog mit anderen. Dieses ist nun mein persönlicher Weg.
Vielleicht ein moderner Weg, weil er die seit fast einem Jahrhundert
geltenden Modeströmungen nicht mehr mitmacht. Meine Menschen, an
denen keine Äusserlichkeiten auf eine bestimmte Zeit hinweisen,
könnten heute oder in der Zukunft leben oder auch Angehörige
einer Gesellschaft von vor tausend Jahren sein. Es sind einfach Leute
mit den Eigenschaften der sich gleich bleibenden menschlichen Natur.
Beim Lesen von Parzival (nach Wolfram von Eschenbach),
dessen Entwicklung von sehr vielen Personen beeinflusst wurde, bemerkte
ich immer wieder, daß ich die beschriebenen Typen bereits auf
Bildern dargestellt hatte. Nun gab ich ihnen die Namen, die ihnen nach
der Geschichte zukamen. Nachdem mich diese Idee einmal ergriffen hatte,
habe ich dann zu vielen bestehenden einige neue Bilder gemalt, andere
abgewandelt, so daß diese Reihe das ganze Epos von Parzival
begleitet.
Für manche Betrachter wird der Zugang zu diesen
Bildern ohne irgendwelche Titel möglich sein, in der Anschauung
der reinen bildhaften Gestaltung. Andere werden gerade durch die Namen
aus dem Mittelalter und die Texte, die den Zusammenhang zwischen Epos
und Bild auf dichterische Weise herstellen, eine geistige Beziehung zu
den Gestaltungen bekommen und dann auch den Aufbau und die Farbgebung
der Bilder beachten.